Konfuzius, der Hund, betete seinen Herrn
an. Doch sein Herr sorgte weder für sein
leibliches Wohl, noch behandelte er ihn mit
dem erforderlichen Respekt.
Die einzige
Aufmerksamkeit, derer sich der Hund jemals von seinem Herrn
erfreuen konnte, war der gelegentliche schmerzende Tritt in
den Hintern, und das aus keinem anderen Grund, als
sicherzustellen, daß er noch am Leben war. Und obwohl sie
stundenlang miteinander diskutierten, wobei Juda üblicherweise
den größten Teil der Unterhaltung bestritt, wurde zumindest
dem Hund in zunehmendem Maße deutlich, daß sein Herr zu
viele Bücher als für ihn zuträglich waren, gelesen hatte.
»Warum nennst du ihn Konfusion?« fragte Judas Vater in
einem der seltenen Augenblicke, in denen sie ein paar Worte
miteinander wechselten.
»Konfuzius«, korrigierte ihn Juda. »Kon-fu-zius!«
»Warum?«
»Konfuzius war ein chinesischer Denker.«
»Ein was?«
»Ein Denker«, sagte Juda. »Aus China.«
»Choma Choma kam auch aus Chania«, sagte Pesa.
»Nicht Chania«, sagte Juda verzweifelt. »China. Viele tausend
Meilen von hier. Du kannst nicht zu Fuß dort hingehen.«
»Wie kam er dann nach Thome?«
»Er ist nie nach Thome gekommen«, sagte Juda. »Er hat vor
vielen tausend Jahren gelebt. Ehe es Thome überhaupt gab.«
»Aber warum nennst du deinen Hund dann Kon..., nach ihm?«
»Weil er so klug und weise ist. Wie der Chinese. Schon vor
zweitausendfünfhundert Jahren wußte der Chinese, daß man
sich seiner Familie und seinen Freunden gegenüber loyal
verhalten, und mit anderen so umgehen sollte, wie man
möchte, daß mit einem selbst umgegangen wird. Glaub mir,
Vater, seltsamerweise war Loyalität damals schon genau so
revolutionär wie heute.«
»Warum nennst du ihn eigentlich nicht Hund«, fragte Baba
Pesa,         »wie jeden anderen Dorfköter auch?«
Dieselbe Frage von einem Trinkgenossen in der Fujo Bar war
Anlaß zu einer Schlägerei gewesen, die bis tief in die Nacht
hinein gedauert hatte; doch mit seinem Vater durfte Juda nicht
tätlich werden, also überhörte er die Bemerkung.
»Konfuzius ist kein Hund«, erklärte er geduldig. »Er ist ein
Denker.«
»Er täte gut daran, ein bißchen nachzudenken«, sagte Baba
Pesa,         »wenn man sieht, welche Verwirrung du in ihm
angerichtet hast. Der Hund weiß nicht einmal mehr, daß er ein
Hund ist. Weißt du, wobei ich ihn erwischt habe?«
»Das interessiert mich nicht«, sagte Juda verärgert. »Der Hund
ist mir wie ein Bruder!«
»Beleidige mich nicht!« brüllte Baba Pesa.
Einen Augenblick noch und sie hätten sich gegenseitig an der
Kehle gepackt, wäre nicht plötzlich Mama Pesa erschienen, um
ihnen mitzuteilen, daß sich Konfuzius mit der Lammkeule, die
sie zum Abendessen gebraten hatte, auf und davongemacht
hatte. Während Baba Pesa in der Absicht, den Hund
umzubringen, sein Gewehr holte, ging Juda Pesa hinunter ins
Dorf, um sich zu betrin-ken. Auf dem Weg dorthin bekam er
Gesellschaft von einem aufgeregten, fröhlichen und satten
Konfuzius, der keinerlei Anzeichen von Reue zeigte.
»Wenn ich du wäre«, sagte Juda zu dem Hund, »würde ich in
Betracht ziehen, für eine Weile ins Exil zu gehen, bis sich die
Lage etwas beruhigt hat.«
Der Hund nahm diesen Rat winselnd zur Kenntnis und folgte
seinem Herrn in die Fujo Bar, wo sie sich betranken,
streitsüchtig wurden und so sehr randalierten, daß der Chief
die Polizei von Ngobit rufen mußte, um die Streithähne zu
trennen.
Doch als Konfuzius in den frühen Morgenstunden des nächsten
Tages alleine und auf einem Bein lahmend nach Hause kam war
Baba Pesa doch erheblich beunruhigt. Wann immer der Hund
von seinen endlosen Wanderungen in den Fußstapfen seines
unberechenbaren Herrn alleine nach Hause zurückkehrte, wußte
der Haushalt der Pesas, daß Unheil in der Luft lag.
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Ein verschlafenes Nest an den
Hängen der Aberdare-Berge im
nachkolonialen Kenia. Der

neureiche Großgrundbesitzer rühmt sich,
„der Vater allen Geldes" zu sein - Baba Pesa.
Brutal und rücksichtslos hat er es
verstanden, alles Land im weiten Umkreis
aufzukaufen - nur Baba Baru, sein nächster
Nochbar, arm und ganz in der alten Tradition
verhaftet, wagt es, sich ihm zu widersetzen.

Juda Pesa, der „ungeratene Sohn" von Baba
Pesa, ist als Aussteiger von der Universität
ins Dorf zurückgekehrt, ist ständig
betrunken, führt philosophische
Zwiegespräche mit seinem Hund Konfuzius
und hält auf dem Markt flammende Reden an
die Bauern über das Anlegen von
Vorratshäusern, den richtigen Umgang mit
dem Land und den Bau von Latrinen.

In seinem Vater, der von seinem Sohn
enttäuscht ist und ihn verachtet, sieht Juda
die Verkörperung dessen, was die Armut und
das Elend der einfachen Menschen ausmacht.
Liebenswert und aufrichtig erklärt sich Juda
bereit, das Schulmädchen Margaret, Tochter
der Barus, zu heiraten, die von seinem Vater,
Baba Pesa, verführt wurde und ein Kind
erwartet. Der Regen in jenem Jahr bleibt zu
lange aus, als jedoch trotzdem gepflügt
werden muß, liegen Pesas Traktoren still, weil
es aufgrund der Ölkrise kein Dieselöl mehr
gibt. Die Barus indessen ziehen von Hand
den Pflug über ihre Felder, weil Pesa mit
seinem Kleinlaster ihren einzigen Ochsen
überfahren hat. „Angezogen von dem
unerklärlichen Band, das alle Männer, die in
der Erde ihre Mutter sehen, zu Brüdern
macht", holt Pesa sein „Gottesgeschenk",
den Mercedes, und hilft den Barus, ihr Land
zu pflügen... Hoffnung im Leid - in diesem
mit viel Witz und afrikanischem Humor
geschriebenen Buch gelingt es Meja Mwangi,
durch sein tiefes Verständnis für das, was
Menschen motiviert, und durch die Kraft der
Menschlichkeit in seinen Charakteren, nicht
Hoffnungslosigkeit angesichts der
drängenden Probleme seines Landes zu
hinterlassen, sondern neue Hoffnung zu
wecken.
Narben des Himmels by Meja Mwangi
ISBN 3 87294 471 1
Narben des Himmels
Peter Hammer Verlag
1992
Narben des Himmels
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